Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 11.11.2007, S. 6

Politische Wissenschaft

"Gender Studies" stehen hoch im Kurs. Der natürliche Unterschied der Geschlechter ist ihnen ein Greuel. Die Politik haben sie schon verändert.

Von Ferdinand Knauß


Die Pseudowissenschaft "Gender Studies" wächst an den Universitäten wie kaum ein anderes Fach. Ihre fragwürdige Ideologie tragen Gender-Forscherinnen in die Lehrpläne fast aller Studiengänge; das Fach durchsetzt also gleichsam die anderen Fächer. Wer glaubt, als Mann oder Frau geboren zu sein, gilt in manchen universitären Kreisen als unterbelichtet. Dass das biologische Geschlecht ("Sex") mit dem sozialen ("Gender") nichts zu tun habe, lernen Studenten in zahlreichen Studiengängen. Zum Beispiel bei Thorsten Voß: "Gender Studies haben nachgewiesen, dass es kein vorgefertigtes Geschlecht gibt - es ist ein Konstrukt, abhängig von historischen und kulturellen Kontexten." Voß ist Dozent im neuen Fach "Gender Studies" an der Universität Bielefeld - und einer der wenigen Männer in diesem Metier.

Die Behauptung des durch die Gesellschaft konstruierten Geschlechts beruht auf einer Theorie des Psychologen John Money, die in den siebziger Jahren von feministischen Intellektuellen begeistert aufgenommen wurde. Durch die Gender-Theorie geprägte Politikerinnen sorgten nach entsprechenden Beschlüssen der Weltfrauenkonferenz in Peking im Jahr 1995 dafür, dass "Gender-Mainstreaming" (mainstream bedeutet Hauptströmung auf Deutsch) zum offiziellen Politikziel in Berlin und den meisten anderen westlichen Hauptstädten wurde. Die Gender-Theorie wird damit "zum zentralen Bestandteil bei allen Entscheidungen", heißt es auf der Homepage des Bundesfamilienministeriums.

Selbst nach Jahrzehnten geschlechtsverleugnender Pädagogik bleibt aber evident, was Eltern seit eh und je erfahren: Jungen und Mädchen trennt nicht nur der "kleine Unterschied". Sie sind im Wesen verschieden. Die "Zeit", des antiemanzipatorischen Konservatismus unverdächtig, stellt fest: "Alle erzieherischen Versuche, aus Jungen und Mädchen geschlechtsneutrale Wesen zu machen, sind gescheitert."

Auch Moneys Versuch, seine Theorie der erlernten Geschlechtsrolle durch "Geschlechtsneuzuweisung" am lebenden Objekt zu belegen, ist gescheitert - mit dem Selbstmord seines Patienten. Money ist medizinisch längst widerlegt. Seine "Gender Identity Clinic" in Baltimore wurde 1979 geschlossen. Mediziner sprechen zwar auch von Gender, aber im gegensätzlichen Sinn: Gender-Medizin betrachtet gerade die Unterschiede der Geschlechter.

Zweifel kommen den Gender-Forschern jedoch ebenso wenig wie den Politikern, die über deren akademische Ausstattung entscheiden. An deutschen Universitäten gibt es bislang 29 Gender-Studies-Institute. Das erste, das Interdisziplinäre Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung in Bielefeld, wurde 1980 gegründet, die neuesten 2005 in Trier, Marburg und Gießen. Gender Studies finden aber nicht nur in den eigens dafür eingerichteten Instituten statt. Sie sind in Erziehungswissenschaft, Politikwissenschaft, Geschichte und Literaturwissenschaft fest etabliert und expandieren weiter.

Während nach Angaben des Hochschulverbandes von 1995 bis 2005 in Deutschland 663 Professorenstellen in den Sprach- und Kulturwissenschaften eingespart wurden, zeigt sich beispielsweise Nordrhein-Westfalen für die Gender Studies sehr großzügig. Zwischen 1986 und 1999 wurden dort 40 Professuren für das "Netzwerk Frauenforschung NRW" geschaffen. Die Professur von Ruth Becker in Dortmund gehört dazu. Ihre Aufgabe ist "die Erarbeitung theoretischer und empirischer Grundlagen einer feministischen Raumplanung, die Analyse der Prozesse der Vergeschlechtlichung räumlicher Strukturen, die Entwicklung von Konzepten zur Verbesserung der Raumaneignungsmöglichkeiten von Frauen".

Dem Expansionsdrang sind kaum Grenzen gesetzt. Mitglieder des Netzwerkes fordern auf der Homepage "gender-in-gestufte-studiengaenge.de" die "Integration von Lehrinhalten der Frauen- und Geschlechterforschung in die Curricula von (fast) allen in der Bundesrepublik Deutschland studierbaren Studienfächern". Für die Anglistik verlangen sie eine "Kanonrevision", also die "Neulektüre von Autorinnen, die im Rahmen einer heteronormativ und patriarchal geprägten Literatur- und Kulturgeschichte bisher vernachlässigt oder ignoriert wurden". Kein Fach wird übersehen. Selbst Studenten der Önologie (Weinbau) sollen "geschlechterspezifische Wertesysteme erkennen".

An vielen Universitäten sind die Forderungen schon Studienalltag. Agrarwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität beispielsweise können "Gender und Globalisierung" als Wahlfach belegen. Diese Erfolge sind das Ergebnis "mehrjähriger Lobbyarbeit von Frauen aus Frauenbewegung und Frauenforschung" und ihrer "fantasievollen und kämpferischen Aktionen", wie das Netzwerk verkündet.

Frauenbewegung und -forschung werden also von den Akteurinnen selbst nicht getrennt. Institutionen der Frauenförderung und -forschung sind an den Universitäten meist auch personell vermischt. Oft teilen sie sich eine gemeinsame Homepage, wie etwa in Marburg. Durch diesen offensichtlichen - aber nie ausgesprochenen - Interessenkonflikt wird die Wissenschaftlichkeit des gesamten Faches zweifelhaft. "Die Frauenforschung entstand im Zuge der Frauenbewegung für Gleichberechtigung der Geschlechter. Am Anfang stand die politische Motivation im Vordergrund", sagt Brigitta Wrede, Koordinatorin der Gender Studies in Bielefeld. Eine politische Bewegung also, die sich zur wissenschaftlichen Disziplin gewandelt haben will.

Kritiker haben an den Universitäten keine Chance. Eine von der Gender-Theorie unabhängige Geschlechterforschung existiert fast nicht. "Es läuft alles über die Gender-Geldtöpfe. Wer sich nicht einklinkt, bleibt draußen", sagt Susanne Kummer vom Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien. Wie streng die Sanktionen gegen Andersdenkende sind, erfuhr 2004 ein Professor, der Gender-Mainstreaming als totalitäre Steigerung der Frauenpolitik bezeichnet hatte. Der Wissenschaftsminister untersagte ihm unter Androhung disziplinarischer und strafrechtlicher Folgen, Derartiges weiter zu publizieren. "Diskutieren wollte niemand, dagegen bekam ich anonyme Droh- und Schmähanrufe sowie soziale Distanzierungen und Ridikülisierungen", sagt der Wissenschaftler, der anonym bleiben möchte. Die Kader-Politik der Gender-Ideologen funktioniert.

Wenn Gender-Forscher sich über die Grenzen der philosophischen Fakultäten hinauswagen, dann interessieren sie weniger die biologisch-medizinischen Erkenntnisse über die Geschlechter. Diese entkräften nämlich weitgehend die Ausgangsthese der Gender Studies. Vielmehr machen sie sie zum Objekt der "feministischen Naturwissenschaftsforschung". Kritisiert wird in diesen Kreisen der "Anspruch der Naturwissenschaften, Geschlechter und wie viele (sic!) unterscheiden zu können", wie es in der Ankündigung einer Lehrveranstaltung des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität heißt.

Die Speerspitze der Gender Studies sind die Queer Studies: "Queer" (engl. sonderbar) ist eine Eigenbezeichnung von bestimmten aktivistischen Schwulen, Lesben und Bisexuellen, vor allem aber Inter- und Transsexuellen, die sich einer "Heteronormativität" widersetzen. An vielen Universitäten, etwa in Hamburg, sind sie ein integrierter Teil der Gender Studies. Die Verwischung von politischem Aktionismus und Pseudowissenschaft wird hier besonders deutlich, da Forscher und Untersuchungsgegenstand identisch sind.

Viele Queer-Forscher machen kein Geheimnis daraus, dass sie der durch sexuelle Praktiken definierten Szene selbst angehören. Der Erziehungswissenschaftler und Queer-Forscher Robin (früher Birgit) Bauer verlinkt die Homepage der Universität Hamburg mit seiner privaten, auf der er sich als "queer/schwuler nichtmonogamer BDSM Transmann" vorstellt. BDSM bedeutet: Bondage, Disziplin, Sado-Maso; ein Transmann ist nach der Definition einer einschlägigen Internetseite "ein Mensch, dessen Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde ,weiblich' lautet, der sich jedoch mit diesem Wort falsch oder nicht ausreichend beschrieben fühlt". Bauer hat also die Erforschung seiner sexuellen Vorlieben zum Beruf gemacht - staatlich finanziert.

Weitere Artikel von Ferdinand Knauß zum Thema "Geschlechtsverwirrung" finden Sie in seinem Blog Brainlogs:

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