Bleib Leib!

Gottes Schöpfungsplan steckt uns in den Knochen

von Írisz Sipos

Dass der Mensch einen Körper hat, ist unhinterfragbare Tatsache. Dass kein Mensch sich seinen Körper hat aussuchen können, ebenfalls. Es wird zwar immer wieder erklärt, der Körper allein mache noch keinen Menschen, aber niemand wird leugnen können, dass wo immer es unter Menschen um Ansehen, Positionen – letztendlich um Macht geht, Schönheit, Kraft und Intelligenz Startvorteile bringen, die durch Tugenden nur bedingt wettzumachen sind. Darum findet auf dem Markt der Eitelkeiten alles, was unsere realen oder vermeintlichen Defizite relativiert oder kaschiert, stets reißenden Absatz.
Doch über die Unzulänglichkeiten des Körpers hinaus, ja sogar über seine Vergänglichkeit hinaus scheint sich ein viel tiefer liegendes Unbehagen auszubreiten: Das Unbehagen des Menschen an der Leiblichkeit überhaupt.

Megastar und No-body

Jede Kultur findet Formen, mit dem Unbehagen umzugehen. Die Pop-Kultur hat sich im „Megastar“ ein solches Medium geschaffen. Der neue Begriff bezeichnete in den 90-er Jahren zunächst das Phänomen „Michael Jackson“. Nie zuvor hatte ein Pop-Idol eine derartige Medienpräsenz und nie zuvor hat ein Musiker so viele Exemplare seiner Alben absetzen können. Mit dem Aufkommen der Videoclips veränderte sich auch der Starkult. Die extravagante Stimme bekam nun einen universellen Körper: das bewegte Bild des tanzenden Stars, das allgegenwärtig über die Bildschirme flimmerte – häufig auch ohne Ton.
Die künstlerische Leistung Jacksons und die gekonnte Vermarktung seiner Kunst hätten für das Ausmaß der Popularität nicht gereicht. Das größte Faszinosum war die allmähliche Mutation des schwarzafrikanischen jungen Mannes in ein Kunst-Wesen ohne erkennbare Hautfarbe, Alter und Geschlecht, das sich die Schönheitsideale seines Publikums ins Gesicht schneiden, unter die Haut polstern und ins Blut spritzen ließ. Das Resultat war hübsch und gruselig zugleich. Das immer maskenhaftere Gesicht, die Koboldstimme und die maschinenartigen Bewegungen schlugen Verehrer und Verächter gleichermaßen in Bann. Jackson hatte geschafft, was zuvor noch keinem gelungen war: Er hat seinen Leib selber neu erschaffen. Er hat den Körper von dem befreit, was seine Identität ausgemacht hatte und wurde damit zur wandelnden Ikone der Postmoderne. An ihm haben die Imagebuilder und Chirurgen alle Verfahren der Dekonstruktion vollzogen und ihn – ganz im Sinne des radikalen Konstruktivismus – aus Versatzstücken des Modediskurses zusammengebaut! Jacksons Konterfei ist unverwechselbar und erkennbar, weil es komplett ausgewechselt wurde und nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Cyberspace und Körperwelten

Es gehört zum Wesen der Konstruktion, dass sie in ihre Einzelteile zerfällt… So bröckelt auch der Kult um Jackson und ist selbst durch medienwirksame Skandale nicht wiederzubeleben. Es gibt neueren Kitzel: das World-Wide-Web. Dort kann sich jeder in diversen Chatrooms eine oder viele Identitäten zulegen und mit anderen virtuellen Identitäten in den entleibten Austausch treten – sogar in erotischen.
Im Gegenzug boomt der Kult um den Körper. Das Pendant zum Leben in virtuellen Pseudokörpern bilden die realen Körper mit Pseudoleben. 15 Mill. Menschen haben die Ausstellung „Körperwelten“ bereits besucht, um die lebensecht posierenden „Plastinate“ Gunther von Hagens zu betrachten. Es ist nicht die menschliche Anatomie an sich, die interessiert, sondern die auf Hochglanz polierte Morbidität. Wären die Figuren aus Plastik, hätte das Projekt wohl niemals solche Besucherzahlen verbucht; die künstlich und kunstvoll präparierten Leiber müssen schon echt sein, um für den bizarren Totenkult zu taugen.
Ob Cyberbody oder Plastinat – beide illustrieren die Verneinung der Leiblichkeit: Ersterer zelebriert die Identität ohne Körper, letzteres präsentiert den bloßen Körper ohne Identität.

Leib – Begrenzung und Beziehung

Das Unbehagen wurzelt tief im Fundament menschlicher Existenz und Identität: die fundamentale Festlegung, die dem Leib – jedem Leib – eingeschrieben ist und sich weder auflösen noch relativieren lässt. Dem biologischen Körper jedes Menschen haften drei Merkmale an, die ihm einen Platz in der Gesellschaft zuweisen.
1. Der Körper hat eine Herkunft, die ihn unrevidierbar zuordnet: biologischen Eltern, Vorfahren, Verwandten. Der Mensch ist immer „Erbe“. Die Spuren unserer Zugehörigkeit sind in jede Zelle des Körpers eingeschrieben. Dieselben Spuren bürgen jedoch durch ihre einzigartige Kodierung zugleich für die Individualität des Einzelnen, denn sie legen die Merkmale fest, durch die sich ein Mensch von den anderen unterscheidet.

2. Der Körper durchläuft einen Reifeprozess, der ihm in der Kette der Generationen seinen Platz zuweist: als Kind, als Erwachsener oder als Greis. Ob der Körper lange Jahre oder nur kurze Zeit existiert; er verändert sich stets von jünger zu älter bzw. reifer.
Die Festlegung durch die Generationenfolge ordnet das Individuum zudem eindeutig als Kind oder als Vater/Mutter zu – und zwar endgültig. Die eigenen Eltern bleiben immer die eigenen Eltern und die Kinder immer die Kindern, ganz gleich, wie sich das Verhältnis jeweils gestaltet.

3. Der Körper hat ein Geschlecht, das ihn in Hinblick auf die Fortpflanzung festlegt. Er hat diesbezüglich entweder die Voraussetzung zum „Zeugen“ oder zum „Empfangen“. Damit ist jedes menschliche Individuum entweder dem männlichen oder dem weiblichen Teil der Menschheit zugeordnet. Jede weitere Definition von „weiblich“, „männlich“ oder „geschlechtlich“ ist demgegenüber sekundär.

Durch Herkunft, Alter und Geschlecht sind wir eindeutig in Beziehung gesetzt. Diese Bereiche haben eine existentielle Bedeutung für jeden von uns. Daher ist das Bemühen um Ausgewogenheit und Stabilität im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau und zwischen Geschwistern überlebenswichtig und bildet die Grundlage aller ethischen Forderungen. Ein wesentliches Merkmal dieser Beziehungen ist die Asymmetrie: es stehen sich immer Parteien gegenüber, die ungleich sind. Das ist von fundamentaler Wichtigkeit, denn voneinander lernen und aneinander wachsen kann man nur in der Unterschiedlichkeit. Ausgewogen wird dieser Prozess nur dann, wenn die daran Beteiligten einander als Gleichwertige würdigen. Ohne diese Würdigung wird jede Ungleichheit zum existentiell bedrohlichen Machtgefälle. Wenn dann der Machtkampf zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern und den Erben – in einem weiteren Sinne auch zwischen Familien, Ethnien, Völkern – eskaliert, ist Krieg!
Es bereitet Unbehagen, aber es ist unvermeidlich: Unsere Identität bildet sich im machtdominierten Spannungsfeld von Herkunft, Generation und Geschlecht. Das macht uns verwundbar.

Kein Ich ohne Du

„Identität“ meint das Bewusstsein des Menschen von sich selbst als einem einzelnen, von allen anderen unterschiedenen Wesen mit der Fähigkeit „Ich“ zu sagen. Das setzt voraus, dass das Individuum sich selbst als ein Gegenüber von anderen wahrnimmt: „Für den Anderen bin ich ’Du’“. Identität ist also immer zugleich Alterität, Unterschiedenheit. Sie entsteht in Abgrenzung zum anderen. Der jüdische Philosoph Martin Buber nennt diese Grundvoraussetzung „Urdistanz“. Aus ihr heraus und über sie hinweg entsteht „Beziehung“. In Beziehung kann sich Identität entwickeln.
Selbst wenn der einzelne versuchen würde, seine Identität autark zu behaupten, oder wenn er sich eine andere, neue Identität zulegen wollte; die Beziehung zum „Anderen“ als ergänzendem Gegenüber ist seinem Körper eingeschrieben.

Leibbilder als Weltbilder

Die vorgegebene Einbindung und die damit einhergehende Verwundbarkeit scheint der Stein des Anstoßes, die große Kränkung, zu sein, an dem sich die Menschheit zu allen Zeiten und in allen Kulturen wundgestoßen hat und den sie – vergeblich – aus dem Weg zu räumen versuchte.
Ein gigantischer Überbau aus religiösen Praktiken und Dogmen, aus philosophischen Systemen und technischen Experimenten ist entstanden, mit deren Hilfe die leidige Leiblichkeit überwunden, wegdiskutiert oder wenigstens instrumentalisiert werden sollte. Heidnische Kulte streben durch Trancezustände nach der Schau der Geisterwelt. Der Buddhismus lehrt die Überwindung von Körperlichkeit und Individualität durch Askese und meditative Versenkung und sieht im Nirvana, der Auflösung aller Verschiedenheit, das Ziel des Seins. Der platonische Idealismus, der unsere Kultur so nachhaltig geprägt hat, geht davon aus, dass alles Konkrete, auch der einzelne Mensch, nur der Schatten einer absoluten Idee ist. Skeptische und nihilistische Strömungen ersetzen die metaphysische Wirklichkeit durch Urprinzipien wie „Willen und Vorstellung“ (Schopenhauer) oder den „Willen zur Macht“ (Nietzsche), an denen der durch den Leib begrenzte Mensch einen Anteil hat. Moderne esoterische Lehren relativieren den Körper, indem sie ihn als unterste Kategorie einer langen Reihe von Leibern einstufen, die zunehmend immaterieller werden.
Gemeinsam ist diesen ansonsten gegenläufigen Vorstellungen, dass sie die Geschlechtlichkeit tendentiell als Einschränkung, Zwang oder gar Makel werten. Häufig gehen die leibfeindlichen Denksysteme mit der Abwertung der Frau einher.
Selbst der christlichen Tradition haften leibfeindliche Denkrelikte an. Manches aus dem hellenisch-idealistischen Weltbild und aus heidnischen Kulten erhielt in „getaufter“ Form Einzug in Theologie und Glaubenspraxis. Nicht umsonst argumentiert bereits Paulus im Römerbrief gegen gnostische Deutungen der Auferstehung Christi als rein geistlich-spirituelles Ereignis. Der Apostel, der wie kein anderer das Leiden an der Unzulänglichkeit des vergänglichen und angefochtenen „Fleisches“ thematisiert, warnt eindringlich vor der Flucht vor dem Leib. Obwohl Leiblichkeit als Wesensmerkmal des Menschen in der Lehre der Römischen Kirche dogmatisch fixiert ist, hat sich in der Kirchengeschichte der Fluchtreflex vor der Leiblichkeit bzw. der Wunsch, sie wenn irgend möglich zu überwinden, hartnäckig gehalten. Davon sind auch die reformierten Konfessionen und weite Teile der pietistischen Bewegung geprägt.

Leibfeindlichkeit im Körperkult

Dem Materialismus, der sich im Zuge der Aufklärung durchzusetzen begann, gelang es auch nicht, den Menschen mit der Leiblichkeit zu versöhnen. Er hat zwar die materielle Realität vom „Jenseits“ befreit, aber das Unbehagen am Körper nur noch vergrößert. Die allen Beziehungen zugrundeliegende Asymmetrie – das Prinzip der Verschiedenheit – wurde zum Inbegriff des Bösen. Es galt, sie zu beseitigen. Die einen wollten die klassenlose Gesellschaft errichten, in der alle Unterschiede eingeebnet sind, Geschlecht, Generation und Nation ihre Konturen verlieren und die Institutionen von Ehe, Familie und Staatenbund abgeschafft sind. Andere predigten die Rassengesellschaft, aus der alles Fremde ausgemerzt wird, in der die technisch perfektionierte Züchtung den Geschlechtsakt mit der Zeit ebenso überflüssig macht wie die Kindererziehung in der Familie – all dies in einem Reich und unter einem Führer. Beide Denksysteme sind, weil sie Unterschiedlichkeit als Grundlage für Identität bekämpfen, im Kern totalitär und trotz der Betonung des Körpers leibfern und prüde.
Der Liberalismus wiederum ist zwar tendentiell individualistisch, aber um den Preis der durch den Leib verbürgten Identität: Das Komplement zum Menschenleib bildet nicht der Leib der anderen, sondern sein Marktwert.

Im postmodernen Ausverkauf der Weltbilder verfilzen sich die Fäden leibferner idealistischer und materialistischer Ideologien und werden beliebig austauschbar. Wo selbst der eigene Leib, die eigene Person als Konstrukt ohne Konturen gilt, erscheint jedes Ringen nach Identität lächerlich. Die letzte Möglichkeit, sich zu behaupten, ist die (Selbst-)Parodie. Radikale „Gender-Konzepte“, die die Geschlechtsidentität vom Leib abkoppeln, verbinden sich mit dem Kult um den sexualisierten Körper, wie er in zahlreichen Queer- und Gaybewegungen praktiziert wird als bewusst groteske Selbstinszenierung in der karnevalistischen „Performance“, z.B. bei den weltweiten Gay-Paraden.

Eine ethische Herausforderung

Wo ziehen wir die Grenze? Wenn alles Ganzheitliche, alles Leibliche nur Fiktion und Nicht-Identität ist – wie können wir dann garantieren, dass „mensch“ überhaupt noch identifizierbar bleibt? Wenn die Grenzen, die einer Person ihre Konturen verleihen, beliebig verschiebbar werden, erscheint letztendlich auch die Grenze zwischen Mensch und Nicht-Mensch willkürlich und als pure Ermessensfrage. Kein Wunder, dass in einer Zeit, in der die Würde „des Menschen“ weltweit als unantastbar proklamiert und völkerrechtlich geschützt ist, die bioethischen Debatten – über Euthanasie oder Embryonenschutz zum Beispiel – boomen. Es geht dabei immer um den Kampf der „Mensch-Konzepte“: Wer ist „noch nicht“ und wer „nicht mehr“ Mensch. Daher rührt die Frage nach der Leiblichkeit – die Frage nach dem Zusammenhang von Körper, Seele und Geist – an den Kern jeder Ethik, auch an den Kern der christlichen Ethik.
Was hat der christliche Glaube, was hat die Kirche dem Kult um die Nicht-Festlegung von Identität entgegenzuhalten?
Nicht viel, wenn sie die Antworten entlang der Denklinien der Zerrissenheit sucht. Ein „Jammertal“-Christentum, das alles „Irdische“ abwertet und sich auf die Vervollkommnung der Seele spezialisiert, wird nicht nur elitär und weltfremd, sondern auch unglaubwürdig – spätestens dann, wenn verdrängte kreatürliche Bedürfnisse zu chronischen Identitätskrisen oder zur Doppelmoral führen. Ein „Himmel-auf-Erden“-Christentum, das die materielle Existenz des Menschen zum Zielpunkt der Erlösung macht und das Reich Gottes mithilfe von Politik und Technik zu errichten sucht, erliegt entweder bald den Machtmechanismen und Ideologien der sie umgebenden Kultur oder manövriert sich selbst in eine moralinsaure gesellschaftliche Mecker-Ecke.

Schöpfung und Leiblichkeit

Dreh- und Angelpunkt der Frage nach der Bedeutung des Leibes und dem Gelingen der Identität ist die Frage nach dem Stellenwert der Schöpfung in unserem Denken.
Glauben wir, dass die Welt von einem Schöpfer erschaffen ist? Und glauben wir, dass sie gut ist? Ohne Abstriche? Im biblischen Schöpfungsbericht (Gen 1) lesen wir, dass Gott seinem Werk jeden Abend zuspricht „gut“ zu sein, dem Menschen sogar „sehr gut“ zu sein. Das menschliche Umfeld, das wir vorfinden, ist aber alles andere als „sehr gut“, es ist durch Ungleichgewicht, Hinfälligkeit und Bosheit entstellt. Deshalb wird sich unser Glaube an einen guten Schöpfer und unsere Theologie daran messen lassen, ob wir darauf vertrauen, dass Gottes Zuspruch an den Menschen, „sehr gut“ zu sein, weiterhin gültig ist. Wenn wir darauf vertrauen, können wir den Menschen so nehmen, wie er geschaffen wurde: geformt aus den Baustoffen des Kosmos und belebt durch den Atem Gottes. Die biblische Überlieferung zeigt ihn als ein leiblich-geistliches Wesen. Er hat nicht einen Leib; er ist Leib. „Leib“ meint nicht den Bioorganismus, sondern die gesamte Person als das Ebenbild Gottes in einem vom Geist durchdrungenen, beseelten Körper.
Menschliches Sein und Aufeinander-Verwiesensein sind Geschenke aus der Hand des Schöpfers. Von der Grundvoraussetzung aus, dass das Vor-Gegebene eine Gabe und keine Kränkung ist, kann das gefährdete Projekt „Identität“ gelingen.

Nacktheit und Scham

Wir tun uns schwer damit, uns so zu sehen. Schon die Geschichte vom Sündenfall erzählt, dass das erste Menschenpaar lieber anders sein wollte: nämlich wie Gott – ohne Vorgegebenes. Und obwohl der Versuch misslang, sträubt sich die Menschheit weiterhin gegen alle Festlegung in Raum und Zeit und gegen die Begrenzung seiner Identität durch Herkunft, Alter und Geschlecht. Je mehr wir die Spuren unserer Kreatürlichkeit abschütteln wollen, desto mehr verdunkelt sich die Ebenbildlichkeit Gottes in uns. Die Identität zerbröselt in unseren Händen: mit unserem dem Tod geweihten Körper, mit gespaltener Seele und leblosem Geist versuchen wir, die Splitter selber zusammenzusetzen, uns neu zu erschaffen – und scheitern.
Auch die Beziehungen untereinander, die doch der Entfaltung der Identität dienen sollten, sind rissig: Wir sehnen uns nach Geschwisterlichkeit und bekriegen einander doch. Unsere Eltern, auf deren Fürsorge wir angewiesen sind, manipulieren uns. Kinder, auf die wir stolz sein möchten, empören sich über unsere Unvollkommenheit. Der Partner, dessen Nähe wir suchen, bleibt uns fremd. Der Würde des Leibes entkleidet ist unser Körper nackt und gefährdet. Er bietet Angriffsfläche für Beschämung und Zurückweisung – besonders in seiner Geschlechtlichkeit. Unweigerlich wird die Verschiedenheit, die ein Geben und Nehmen erst möglich macht, zum Mittel der Unterdrückung, die die Geschichte der Völker und der Kulturen durchzieht.
Der biblische Glaube trägt dieser Realität Rechnung, stellt sie jedoch in den größeren Horizont des Heilsgeschehens, das vor der Erschaffung des Kosmos begonnen hat, sich durch die Geschichte hindurch entfaltet, sie durchwirkt und verwandelt.
Der Motor der Heilsgeschichte ist die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung und seine Sehnsucht nach den Menschen. Er will nicht gegen ihren Willen handeln, sondern mit ihrem Einverständnis. Gott verbindet seinen Heilsplan mit der Geschichte, indem er sich verbündet. So wird die Geschichte und die leibliche Wirklichkeit des Menschen zu einem Umfeld, in dem die Zusage an die Schöpfung, eine „gute“ zu sein, Realität wird.

Gottes Korrektiv: Bund und Thora

Die Erwählung Israels birgt eine Urwahrheit: Gott ergreift die Initiative, seine Liebe kommt der Bewegung des Menschen zuvor. Israel begreift sich als erwähltes Volk, das erst durch den Zuspruch Gottes wurde. Er ist Grund und bleibt Garant für die Identität Israels. Unterpfand des Bundes sind die leiblichen Nachkommen, Fruchtbarkeit, Wohlergehen und Sicherheit die sichtbaren Spuren des Segens. Die Kluft in den zerrütteten Beziehungen nach innen und nach außen überbrückt der „Schalom“ Gottes. „Ich will deinen Grenzen Frieden geben“, lautet die Verheißung. Dazu müssen die verwischten, übertretenen, gewaltsam verschobenen oder tückisch verminten Grenzen wieder sichtbar gemacht werden. Die Thora, das Bundesgesetz, liest sich wie ein Echo der Schöpfungsgeschichte, in dem sich das menschengemachte Tohuwabohu entmischt und die Zuordnungen wieder sichtbar werden.
Bereits die Präambel des Gesetzes markiert „Urdistanz und Beziehung“: „Ich Jahwe, habe dich … herausgeführt“, beginnt Gott, und „scheidet“ von Satz zu Satz weiter: Israel von Ägypten, Freiheit von Bindung, Gott von Götzen, Natürliches von Künstlichem, Gebrauch vom Missbrauch des Namens, Schabbat vom Werktag, Elternschaft von Kindschaft, Mein von Dein, Leben von Tod, Ehe von Unzucht, Wahrheit von Lüge, Respekt von Distanzlosigkeit.
Erst durch die Unterscheidung wird der verschüttete Reichtum sichtbar, der in Freiheit, Kultus, Feiertag, Familie, Menschenleben, Besitz, Geschlecht, Sprache und Nachbarschaft verborgen liegt. Indem Israel die Grenzen wahrt, würdigt es die Schöpfung und wird sich der eigenen Würde bewusst. Diese Würde ist die Grundlage menschlicher Identität. Wenn sie in sein Bewusstsein gelangt, erkennt der Mensch seine ursprüngliche Bestimmung: durch die Gottesebenbildlichkeit die Herrlichkeit Gottes in den Kosmos hineinzustrahlen. Damit heiligt der Mensch den Kosmos.
Aber wer heiligt den Menschen? Wer stellt seine Gottesebenbildlichkeit wieder her?

„Das Wort ward Fleisch“ – Rehabilitierung der Leiblichkeit

In Jesus Christus geht Gott selber den Weg, den er dem Menschen vorgegeben hat. „Das Wort, das bei Gott war, wurde Fleisch.“ Gottes Sohn wird Mensch, um die Leiblichkeit des Menschen zu rehabilitieren und ihn zu der Herrlichkeit zu führen, auf die hin er erschaffen wurde. Er zieht den Leib nicht wie eine Maske über, er wird selber „Fleisch“, um uns in Elend und Zerrissenheit ganz nah zu sein.
Das Undenkbare geschieht: Das Geistliche fügt sich der Leiblichkeit – der Logos fügt sich der Festlegung auf die Herkunft aus dem Hause Davids in Juda, auf die kindliche Zuordnung zu seinen Eltern, auf den männlichen Part des Bräutigams. Christus macht unsere Leiblichkeit vorbehaltlos zu seiner eigenen und befolgt in ihr vorbehaltlos den Willen des Vaters. Damit zieht er sie aus dem Bereich des Widerspruchs zurück auf das Terrain der Herrlichkeit. Nachdem der Mensch das Erbe des Paradieses ausgeschlagen hatte, wird Christus sein „Miterbe“, Blutsverwandter, und hat die Vollmacht eines „Lösers“, die Schulden zu tilgen und das verlorene Erbe wieder in den Besitz der Familie zu bringen.

Die Schicksalsgemeinschaft, die Christus mit uns eingegangen ist, bürgt dafür, dass der Leib – bereits jetzt, in seiner versehrten Verfassung – der geborgene Ort unserer Identität sein kann. Jesu Tod und leibliche Auferstehung bürgen für die einstige Vollendung der neuen Schöpfung die in ihm begonnen hat und an der wir durch die Zugehörigkeit zu Ihm Anteil haben. Der Kosmos geht nicht zugrunden; er wird neu. So auch unser Leib: der mit allen Mängeln behaftete ‚natürliche Leib’, griech.: soma psychikon, wird verwandelt in den ‚geistlichen‘, zum Leben aus dem Geist befreiten Leib: soma pneumatikon (1. Kor 15,44).
Siegel der Zugehörigkeit zum neuen Schöpfungsbund sind Brot und Wein – Zeichen und Gegenwart seines Leibes und Blutes: das Blut, vergossen zur Vergebung der Sünden, reinigt und heiligt. Der Leib ist uns gegeben, gegeben, damit wir ihn haben – damit wir Leib sind.

Die Gemeinde als Leib Christi

Denn die Tischgemeinschaft Jesu ist nicht nur die Gemeinschaft vieler Geretteter, sondern ein neuer, kraftvoller, vollmächtiger Leib: Christi Leib auf Erden, in dem schon hier und jetzt die Würde und Strahlkraft, erkennbar wird, die dem Leib des Menschen abhandengekommen war. In dieser „Behausung des Geistes aus lebendigen Steinen“ kann auch der Leib jedes einzelnen zum Tempel des Heiligen Geistes werden. Identität gewinnt Konturen in lebendigen und versöhnten Beziehungen, in Einigkeit in der Vielfalt, in der kraftvollen Wirksamkeit durch gegenseitige Ergänzung, in der Verteilung der unterschiedlichen aber gleichwertigen Gaben und Ämter.
Von Christus, dem Haupt her formiert sich eine neue Ordnung, die ausstrahlt und das Reich Gottes in die Realität zieht: Geteiltes Erbe, das sich vervielfältigt, Wahrhaftigkeit und Wahrheit, die frei macht, Gerechtigkeit, die das Volk erhöht, Barmherzigkeit, die Not lindert und Heilung an Leib und Seele.
Auch die Familie als Inbegriff leiblicher Verbundenheit findet im Tiefsten zu ihrer Bestimmung durch Eltern, die sich an Gottes Vaterliebe orientieren und durch Kinder, deren Vertrauen sich in Jesu Liebe zum Vater gründen darf und durch Ehegatten, deren liebendes Begehren sich aus der Sehnsucht Christi nach der Braut, der bereiteten und verherrlichten Gemeinde, nährt.

Durch den sichtbaren Leib, der aus konkreten Menschen an konkreten Orten besteht, ist Christus in besonderer Weise in unserer Wirklichkeit präsent und wirksam. Durch Christus, der zur Rechten des Vaters sitzt, sind wir auf geheimnisvolle Weise schon in jener Wirklichkeit präsent und wirksam in der Vollmacht, zu lösen und zu binden. Der Gott des Bundes umgeht uns auch in der Vollendung seines Heilswerkes nicht; er verbündet sich mit uns. In unserem Handeln, Beten, Lieben und Sein – Leib sein und damit ganz sein – durchwirkt Gottes Heil die gesamte erschaffene Wirklichkeit.

In: Salzkorn. Klarer – schärfer – lebendiger. September-Oktober 5/2006: Haargenau als Mann und Frau. Wie die Gender-Perspektive versucht, die Geschlechterpolarität umzubürsten, S. 206-212.

Kommentar abgeben