Ein Kämpfer – kein Macho, kein Müsli

Warum Männlichkeit durch Männer verliehen wird

Dominik Klenk befragt Daniel M.

Daniel, auch bartlos bist du deutlich als Mann erkennbar. Was ist für dich die Kurzcharakteristik für einen Mann?
Da fallen mir zunächst Äußerlichkeiten ein: Körperbau, Statur, Stimme und dass ein Mann eben keine Kinder bekommen kann.

Welche Herausforderungen waren für dich zu meistern, um ins Mannsein zu finden?
Selbstannahme – mich mit meinen Begabungen, Stärken, Schwächen anzunehmen und so zu bejahen, wie ich bin. Das war und ist eines der herausforderndsten Themen für mich.
Die Pubertät war dabei sicherlich einer der einschneidendsten Momente. Da fand eine Distanzierung von meinem Vater statt. Weil ich mich damals nicht mit ihm identifizieren wollte oder konnte, war da zunächst Orientierungslosigkeit, was das Mannsein betraf. Dass Versöhnung zwischen ihm und mir stattgefunden hat, war für mein Mannsein heilsam: Ich lebe nicht mehr in der Abgrenzung, sondern in der Freiheit, das Gute aus meiner Familie anzunehmen. Ich weiß, dass mein Vater den Weg, den ich eingeschlagen habe, segnet. Das setzt mich frei, das Eigene zu entfalten.

Und woran hast du dich dann orientiert?
Zunächst war es für mich wichtig, mich nach männlichen Vorbildern umzuschauen. Attraktiv waren für mich Männer, die Weltoffenheit, einen weiten Horizont, aber auch klare Einstellungen und die Entschlossenheit hatten, sich darin zu bewähren.
Da ich selber nicht so der typisch männliche Junge war, der sich in Kämpfen beweisen konnte, sondern eher musisch veranlagt, war ich auf der Suche nach solchen Vorbildern. Glücklicherweise habe ich sie gefunden. Sie haben mir – abseits vom Klischee des Macho oder Müsli – etwas von einer inneren männlichen Kraft vermittelt.
Entscheidend ist sicherlich, dass Männlichkeit eben nicht durch das Einüben bestimmter, angeblich männlicher Verhaltensweisen entsteht, sondern dass männliche Identität verliehen und zugesprochen wird. Durch Männer, nicht durch Frauen. Da bin ich sehr von John Eldredge geprägt, der sagt: „Masculinity is bestowed“. Ich meine, dass es so übersetzt werden kann, dass Männlichkeit verliehen werden muss. Und die empfange ich in meinem Leben durch gesunde Gemeinschaft mit dem leiblichen Vater, mit Vaterfiguren und mit dem ewigen Vater.

Was waren in deiner Geschichte Meilensteine ins Mannsein?
Zivildienst und Studium waren die ersten Bewährungsproben für mich als Mann: mich mit meinen Vorstellungen und meinem Glauben in einer zunächst fremden, neuen Welt zu bewähren und mich in einem ungeschützten Umfeld zu präsentieren und dabei hinterfragt und angegriffen werden zu können.
Selbstverständlich hatte meine Suche nach meiner Identität als Mann auch etwas mit empfundenen Defiziten bei mir zu tun, insofern brauchte ich männliche Gegenüber, um mich in ihrer Gegenwart als Mann unter Männern zu erleben.
Weitere Meilensteine waren meine Heirat mit Kristin und das Vaterwerden von drei höchst lebendigen Jungs.

Die Schlagworte zum Thema Mannsein bewegen sich zwischen Macho und Weichei. Was macht gesunde Männlichkeit aus?
Ich glaube, dass „Macho“ und „Weichei“ eher krankhafte Extreme sind, die aus dem inneren Defizit kommen, nicht wirklich zu wissen, dass ich ein Mann bin. Ich glaube, dass jeder Mann Verwundungen an seiner Seele trägt, die seine innere Kraft, Mann zu sein bzw. als vollständiger Mann zu leben, in Frage stellen. Jeder Mann steht in der Versuchung, diese Frage „kurzfristig“ zu beantworten. Das heißt, entweder zu versuchen, die innere Verwundung durch eine vorgetäuschte gespielte Männlichkeit zu verdecken, oder sich zu schützen, indem man kein Profil zeigt und sich nicht (an)greifbar macht.
Wenn ich hinsichtlich meiner Verwundungen ehrlich werde, kann ich mich auf die Suche machen, wo diese Wunden heilen können. Nur wenn ich sie anschaue und mich damit auch innerhalb der Gemeinschaft von Männern bewegen kann, spüre ich meine eigene männliche Kraft. Mit dieser Kraft kann ich Gutes bewirken und mich unverstellt der Herausforderungen dieser Welt annehmen.

Was heißt es für dich, heute in der Gesellschaft als Mann Verantwortung zu übernehmen?
… mich der Sehnsucht meines Herzens zu stellen. Dass ich mir nicht von den scheinbaren Glücksbringern in dieser Welt: Geld, Sex und Macht den Kopf verdrehen lasse, sondern auf die eigene innere Stimme höre, die mir sagt, was wertvoll und richtig ist.
Wir leben in einer Welt, in der es wichtig ist, seine Stimme für seine Überzeugungen zu erheben und dafür einzutreten. Das heißt für mich, kampfbereit zu sein. Die Kampfbereitschaft eines Mannes zeigt sich nicht im Kampf um die eigene Ehre, sondern darin, dass er für die Wahrheit eintritt, mit allem, was ihm zur Verfügung steht.
Ein großes Vorbild ist mir da Helmuth James Graf von Moltke, der sich während des zweiten Weltkrieges dafür einsetzte, dass das Regime der Nationalsozialisten nicht in allen Bereichen unbehindert Unrecht tun konnte. Dabei fand ich besonders faszinierend, dass er einerseits sehr klar die Lüge und das Böse dieses Regimes entlarvte, aber trotzdem innerhalb des Systems blieb und seine Position dazu benutzte – soweit es ihm möglich war – Menschenleben zu retten, Gutes zu tun und eine verantwortliche Zukunft zu planen. Letztlich sein eigenes Leben dranzugeben. Das ist es, wofür mein Herz – auch wenn es oft eher feige ist – wirklich schlägt. Mich im Kampf für die Gerechtigkeit und Wahrheit einzusetzen – koste es, was es wolle.

Kampfbereitschaft – wie erlebst du die bei dir?
Das heißt z.B., an meinem Arbeitsplatz die Wahrheit zu sagen, auch wenn es für mich unbequem ist und sie mich etwas kostet. Dazu gehört, transparent zu sein, nicht mit verdeckten Karten zu spielen, den andern nicht über den Tisch zu ziehen, indem ich ihm z. B. Informationen vorenthalte. Das ist ein täglicher Kampf.

Mann und Frau gemeinsam bilden etwas von der Ebenbildlichkeit Gottes ab, was immer auch eine „spannungsreiche Komposition“ bleibt. Wo erlebst du in der Ehe diese Unterschiede am stärksten?
Im Gespräch und in der Sexualität.
Kristin als Gegenüber neigt – im Gegensatz zu mir – nicht dazu, in „Schubladen“ zu denken und zu leben, Sie denkt ganzheitlicher. Ich kann gut im Gespräch auf ein Thema konzentriert bleiben, egal ob Spannungen oder Ungeklärtes zwischen uns ist. Bei Kristin ist es eher so, dass sie sich inhaltlich erst dann konstruktiv auseinandersetzten kann, wenn wir z. B. unsere persönlichen Spannungen vorher angesprochen – oder besser noch – geklärt haben.
In der Sexualität ist es so, dass ich schnell mal Lust auf Sex habe – und das kann zur völligen Unzeit sein, z.B. wenn sie beim Jüngsten gerade die Windeln wechselt – und sie versteht überhaupt nicht, wie ich gerade jetzt auf diese Idee komme! Aber weder sie noch ich sind da der Maßstab, was gut und dran ist. Wir erleben, dass weder der eine, noch der andere immer recht hat, sondern dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, wann und wie man sich füreinander öffnen kann.

Wie kann diese Unterschiedlichkeit befriedet werden?
Immer neu durch ein Aufeinander-Zugehen in Liebe! Gerade weil die Andersartigkeit des anderen da ist, geht es nur, wenn wir uns einander zuwenden und uns in unserer Verschiedenartigkeit wahrnehmen und akzeptieren. Letztlich heißt das, von mir selbst wegblicken, den andern ansehen. Dem andern Raum geben und ihn um seiner selbst willen lieben – und nicht, weil er ist, wie ich ihn haben will. Das ist für mich wahrhaft lieben.
So kann ich ein echtes Gegenüber für meine Frau sein, was auch ihr den Freiraum erhält, sie selber zu sein. Und umgekehrt.

In: Salzkorn. Klarer – schärfer – lebendiger. September-Oktober 5/2006 Haargenau als Mann und Frau. Wie die Gender-Perspektive versucht, die Geschlechterpolarität umzubürsten, S. 224-226.