Wer sagt mir, wer ich bin?

Zwischen der Angst vor Festlegung und der Sehnsucht nach dem Erkanntwerden

Angela Ludwig befragt Isabell A.

In der Diskussion um die Fragen von Frau- und Mannsein und Geschlechtsidentität besteht der aktuelle Trend darin, das biologische Geschlecht von der sozialen Geschlechterrolle abzukoppeln. Unabhängig von dem „natürlichen“ Geschlecht soll jeder in Zukunft die Freiheit haben, seine Geschlechtszugehörigkeit selber wählen bzw. zwischen den Geschlechtern hin- und herwechseln zu können.

Isabell, du hast in deiner Biographie Erfahrungen mit beiden Geschlechtern gemacht – als Mädchen geboren, hast du später bewusst die männliche Identität für dich gewählt. Wie ist es dir damit ergangen?
Transsexualität hatte für mich nichts mit verlockender Freiheit zu tun, sondern mit innerem Leidensdruck – einerseits kein Mädchen sein zu wollen und andererseits nicht wirklich ein Junge zu sein. Es gibt Videoaufnahmen von mir mit vier, fünf Jahren, da verhalte ich mich schon wie ein Junge. Später hatte ich wirklich die Überzeugung, dass ich ein Mann bin, also im falschen Körper geboren wurde. Unbewusst habe ich damals Körper und Seele voneinander getrennt, um den Schmerz, nicht zu wissen, wer ich eigentlich bin, nicht spüren zu müssen.

Als was haben deine Eltern dich gesehen?
Für meine Mutter war ich ein Mädchen. Aber sie hatte ein ganz genaues Bild, wie ich als Mädchen auszusehen und zu sein hatte. Das Bild war mir ein Greuel. So war ich nicht und wollte ich nicht sein.
Mein Vater hatte sich wohl statt meiner einen Jungen gewünscht, auch wenn er das nicht gesagt hat. Unbewusst habe ich das als Kind gespürt. Als ich schon als Mann gelebt habe, meinte er einmal: „Jetzt habe ich ja endlich meinen Sohn.“ Er hat mich nie als Mädchen bestätigt und er traute mir nicht viel zu. Für die Person, die ich wirklich war, war kein Raum. Ich durfte nicht ich sein.
In meiner Familie gibt es schon seit Generationen eine Abwertung des Weiblichen. Mein Vater war das jüngste Kind mit fünf älteren Schwestern. Auch er fühlte sich abgelehnt und wurde wenig in seiner männlichen Rolle bestätigt. Seine Reaktion darauf waren wohl Frauenhass und Frauenverachtung. Das konnte man u.a. an seiner Art ablesen, wie abfällig er über Frauen sprach. Da ist atmosphärisch etwas an mich weitergegeben worden.

Was bedeutete die Nicht-Bestätigung als Mädchen für dich?
Ich konnte nicht als Mädchen leben, das war unmöglich. Ich schämte mich für meinen Mädchenkörper, für meinen Mädchennamen. Außerdem hatte ich immer Angst, dass mir jemand etwas tut, was ich nicht will. Die Jungenrolle war ein Schutz für mich, eine Überlebensstrategie. Sie gab mir das Gefühl, dass ich mehr ich selbst sein kann.

Auf der Suche nach deiner geschlechtlichen Identität hast du einen langen Weg zurückgelegt – von hormoneller Behandlung, vorgeschriebener Psychotherapie und geschlechtsumwandelnder Operation bis hin zur Personenstandsänderung. Inwiefern war es eine Befreiung für dich, endlich offiziell ein Mann zu sein?
Es war zunächst die Befreiung von meinem weiblichen Körper, für den ich mich ja unheimlich geschämt habe und den ich immer versucht hatte zu verbergen. Jetzt musste ich nicht mehr unsichtbar und gebückt durch die Gegend laufen, sondern konnte aufrecht gehen. Als Mann hatte ich eine schöne Figur, konnte eine Badehose anziehen und ins Schwimmbad gehen und mich endlich zeigen. Das war für mich ganz toll. Aber dieses äußerliche Mich-Zeigen-Können hatte auch noch eine tiefere Ebene. Ich konnte meine Gefühle zeigen. Damit verbunden war der Wunsch, gesehen und anerkannt zu werden.

Kannst du deine Gefühle genauer beschreiben?
An der Oberfläche fühlte ich mich als Mann. Das darunterliegende eigentliche Gefühl – der Schmerz, nicht ich sein zu dürfen als Frau, die Wut darüber – konnte ich damals noch nicht fühlen oder gar benennen, das war völlig verdrängt und kam erst viel später hoch.

Was hat deine neue „Sicherheit“ als Mann ins Wanken gebracht?
Kurz nach meinem geschlechtlichen Umwandlungsprozess fand ich zum Glauben an Jesus. Meine erste Erfahrung war, dass Gott mich so annimmt, wie ich bin – also als Mann. Das tat übrigens auch die Kirchengemeinde, in der ich zum ersten Mal ein wirkliches Zuhause erlebte. Ich bin dann ins Nachdenken gekommen, auch durch das Lesen in der Bibel. Mir ist klargeworden, dass Gott den Menschen als Mann und als Frau geschaffen hat und ich das nicht einfach eigenmächtig verändern kann. Das heißt, ich hatte es ja geändert, um zu überleben. Das ist ganz allmählich gedanklich an mich herangekommen.
Der springende Punkt dabei war, dass ich Gott geglaubt habe, dass in dem, wie er mich ursprünglich geschaffen hat (als Frau), ein unglaublich großes Potential steckt. Dass er mich als sein Ebenbild toll gemacht haben muss, was ich selber nie sehen konnte. Ich aber hatte aus mir in einer unguten Weise einen Abklatsch gemacht, ich war nicht ich, wie Gott mich gedacht hatte, sondern hatte mir eine (männliche) Maske angelegt.

Im Grunde ging es also darum: wer oder was sagt mir, wer ich bin?
Ich hatte bis dahin ja nur mein Empfinden als Orientierung. Aber ich wusste, Gott ist die Wahrheit; es stimmt, was er sagt. Deshalb habe ich das sehr ernst genommen. In der Psychologie spricht man von sekundären und primären Gefühlen. Mein sekundäres Gefühl war das Empfinden, ein Mann zu sein. Aber die sekundären Gefühle sagen nicht automatisch die Wahrheit über mich und meine geschlechtliche Identität, ja sie können mich sogar belügen. Darunter liegen noch ganz andere Gefühle verborgen.

Wie bist du mit ihnen in Verbindung gekommen?
Ich habe angefangen, tiefer in meine Wirklichkeit hineinzuhören. Ich habe mich dann entschieden, den homosexuellen Lebensstil aufzugeben, denn er war für mich eine Art Flucht, um meine primären Gefühle nicht ertragen zu müssen. Das ist wie bei der Alkoholsucht: wenn man den Alkohol weglässt, kommt das echte Leben hoch. Und ich musste mich nun mit dem auseinandersetzen, was da hochkam. Ich habe ja gar nicht gewusst, wer ich wirklich bin. Ich beschloss, mich dem jetzt zu stellen. Das war nicht einfach, das war unangenehm und ich habe das auch nicht alleine geschafft. Ich brauchte die Hilfe von anderen Menschen. Für mich war dabei das Wichtigste, mich zu zeigen mit meinen echten Gefühlen, mit meiner Wut, meinem Schmerz, dass ich ein Mädchen bin, aber niemand hatte mir je gesagt, dass das etwas Schönes ist. Im Gegenteil, man hat mich dafür verachtet. Das hat sehr wehgetan. Das hatte ich noch nie jemandem vorher gesagt. Ich hatte mich nur todeinsam gefühlt.

Was war der Schlüssel dafür, dass du deine Wirklichkeit annehmen konntest?
Es war für mich ein unheimlich befreiendes Erlebnis, ja ein Glücksgefühl, zeigen zu dürfen, was in mir ist, und zu wissen, das darf sein. Ich darf sein! Natürlich musste ich durch die Trauer, die Wut und den Schmerz hindurch, aber ich habe erlebt, ich werde gesehen, ich werde gehört und finde etwas, das ich früher nicht kannte: Trost und Bestätigung.
Wenn man einmal angefangen hat, sich wirklich zu zeigen, hat man eine Schwelle überwunden. Dann bekommt man zum ersten Mal Bestätigung für sein wirkliches Ich und nicht für die Illusion – in meinem Fall, ein Mann zu sein, obwohl ich eine Frau bin. Ich bekam ja vorher eigentlich nur Bestätigung für meine Maske.
Ich kann mich verändern in meinem Charakter, Verhalten, in meiner Liebesfähigkeit, aber wer ich bin, meine Gaben und Anlagen, die Gott mir mitgegeben hat, das kann ich nicht verändern. Natürlich kann ich das operativ versuchen, ich habe das ja gemacht, und äußerlich sah ich ziemlich echt aus, aber im Grunde habe ich mich verstümmelt. Man will das nicht wahrhaben, weil es sehr schwer auszuhalten ist.

Wie wurde aus dem angstbesetzten Thema „Frausein“ ein positives?
Ich hatte mich ja entschieden, mich mit dem Weiblichen auseinanderzusetzen. Dazu habe ich zweimal einen Living Waters Kurs mitgemacht – als Mann in einer Frauengruppe. Und da habe ich schon mitbekommen, dass ich auch als Frau angenommen und geliebt würde. Und dann habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Lehreinheit über die Stärken des Frauseins gehört, dass z.B. die Fähigkeit des Empfangenkönnens  – schwanger werden, Gottes Stimme hören, etwas in sich aufnehmen – eine Stärke ist. Da ich aus einem Mißbrauchshintergrund komme, habe ich das Weibliche eher als schwach, lebensgefährlich und wertlos erlebt. Und dann entdeckte ich zum ersten Mal, daß es auch andere, positive Seiten gibt. Nach dem ersten Jahr habe ich beschlossen, ich werde wieder eine Frau, aber ich lasse mir noch Zeit.

Woher hattest du die Sicherheit, dass das richtig ist?
Es gibt ein Haus des Todes und ein Haus des Lebens. Es gibt Dinge im Leben, die haben mit Dunkelheit und Tod zu tun. Und wenn ich mich entsprechend verhalte, z.B. meine Identität verleugne oder mich verstümmele, dann gehe ich in den Tod. Wenn ich aber immer mehr finde, wer ich wirklich bin, und mich annehmen kann, dann gehe ich ins Leben. Das wurde mir auf einmal so klar. Ich hatte die Freiheit, in der Männerrolle zu bleiben, und war mir sicher, Gott würde mich auch als Mann lieben. Gleichzeitig wusste ich, ich werde immer mehr in den Tod gehen. Ich kann mich entscheiden, ins Leben zu gehen, aber dann muss ich auch die Konsequenz ziehen und mich wenigstens diesem Frausein mal annähern und es Schritt für Schritt erforschen.

Was bedeutet dir dein Name?
Mein Geburtsname ist Isabell, durch die Namensänderung wurde ich Benjamin. Isabell war für mich mit all dem Negativen besetzt, das ich beschrieben habe, mit meiner ganz persönlichen Schmerzgeschichte. Benjamin dagegen war nicht belastet. Es war eine echte Herausforderung, davon wieder zurückzugehen. Deshalb ging ich in die OJC. Es war einfach wichtig für mich, an einem sicheren Ort meinen ursprünglichen Namen auszuhalten und dabei nicht zu sterben, sondern die Erfahrung zu machen: nein, dir passiert nichts… Mehrere Jahre habe ich mich so mittelmäßig damit gefühlt, aber in dem Moment, als ich anfing, an meinen Gefühlen zu arbeiten, mich selbst zu spüren und auch die Bestätigung von Gott und von den Menschen zu bekommen, da wurde mein Name immer positiver. Und irgendwann war da ein Gefühl von Glück. Und jetzt finde ich meinen Namen richtig schön.

Haben dir Frauen als Vorbilder etwas bedeutet?
Ich war so weit weg vom Frauentyp, dass ich mir da überhaupt nichts vorstellen konnte. Es war mir wichtig, mich langsam heranzutasten, wer ich als Frau bin und was zu mir gehört. Geholfen hat mir sowohl die Erfahrung, von Männern als Frau bestätigt zu werden, als auch die Erfahrung, bei Frauen nicht-erotische Liebe zu erleben. Die Erotik ist etwas Schönes, aber hier war sie kontraproduktiv, weil sie das Echte wieder überdeckt hätte und eine Flucht vor wirklicher Nähe gewesen wäre. Echte Nähe kann man nur erleben, wenn man bei sich ist, sonst erreicht einen die Liebe gar nicht.
Das Drama der Homosexualität ist, dass man etwas bekommt und eigentlich nicht bekommt, und dass sich das immer wiederholt. Ich hatte dazu ganz am Anfang meines Christseins ein Bild: ich laufe in der Wüste im Kreis, da ist nichts außer einem Felsen so hoch wie ich. An dem bin ich immer wieder vorbeigekommen. Und dann habe ich auf einmal gesehen, wie Jesus seine Hand herunterstreckt und mich aus dem Kreis herausnimmt. Für mich hat das symbolisch ausgedrückt, dass da, wo es kein Leben gab, wo ich keinerlei Ernährung hatte, wo ich immer im Kreis lief, in meinen Frauenbeziehungen, da hat der Glaube mich herausgeholt.

Welchen Schatz hast du auf dem Weg in dein Frausein entdeckt?
Dass ich ich bin in meiner Einmaligkeit – mit meinen Gaben und Schwächen. Ich kann mich zeigen und muss nicht perfekt sein. Ich kann auch „männliche“ Dinge tun, aber eben als Frau.
Ich sah einmal in einem inneren Bild ein Grab mit einer Mumie. Sie war ein Mann, ziemlich hässlich, ich hatte Angst davor. Auf einmal hat sich die Mumie herausgeschält aus ihren Fesseln und herausgekommen ist eine Frau, die sich aufsetzte und ganz langsam aus dem Grab stieg. Es gab dann Angriffe von draußen, aber sie ging ganz langsam weiter und je weiter sie hochkam, desto schöner wurde sie. Erst später habe ich begriffen, dass ich das bin, mein ganzer Prozess des Ichwerdens. Entscheidend dafür war, endlich ich sein zu dürfen.

In deinem Leben als Mann warst du als Rockmusiker unterwegs. Was hat dich auf die Bühne gezogen?
Sicher mein Talent zu singen, aber auch der Wunsch, gesehen zu werden, mich zeigen zu können, mich auszudrücken. Verlockend war auch, im Rampenlicht zu stehen, Anerkennung zu bekommen und dadurch Beziehungen aufzubauen.
In meinem jetzigen Beruf als Sporttherapeutin leite ich andere Menschen an, durch den Leib mit sich und mit anderen in Kontakt zu kommen. Ich kann das nur, weil ich durch einen eigenen Prozess gegangen bin und heute mit meinem Körper meine Seele ausdrücken kann. Ich muss mich nicht mehr darstellen und präsentieren. Wenn man mit Körper und Seele arbeitet, wird einem ganz klar, wie sehr die miteinander zusammenhängen.

Macht es dir Spaß, dich weiblich zu kleiden?
Ich merke, dass ich die Grenze da immer weiter verschieben kann. Zwar habe ich noch nie einen Rock angezogen, aber ich schminke mich, trage weibliche Kleider, Schmuck. Das Mutigste bisher war, Pumps anzuziehen. Aber das größte Wagnis für mich war, in Kleidergeschäften überhaupt in die Frauenabteilung zu gehen. Da offenbare ich ja, zu welchem Geschlecht ich gehöre. Aber keiner schaute mich komisch an und heute ist das Anprobieren dort für mich ganz normal. Ich habe darin eine Grundsicherheit bekommen.

Die Frage der Gender-Theoretiker ist: Wer will ich morgen sein? Isabell, wer willst du morgen sein?
Auf jeden Fall eine Frau, weil ich das nun mal bin und mich darin glücklich erlebe. Man kann aus seinem Geschlecht nicht einfach aussteigen und in ein anderes einsteigen. Was man ist, das ist man. Man kann es verdrängen oder annehmen. In einer Rolle kann man auch hin- und herwechseln, aber im wirklichen Selbst nicht. Glücklich wird man nur, wenn man der wird, der man ist. Es scheint wie beim Volk Israel zu sein: als es nach der Wüstenzeit ins Gelobte Land kam, begegnete es „Riesen“, die ihm Angst machten. Riesen wollen verhindern, dass man in sein verheißenes Land kommt und es einnimmt. Aber das ist das Ziel, unsere Aufgabe.

Wenn man so von sich entfremdet war und dann wieder zu sich zurückfindet, hat das mit echtem Glück, Reichtum und totaler Freude zu tun. Das ist die Belohnung, wenn man diesen Weg geht, der nicht leicht ist. Aber: „Die Wahrheit macht euch wirklich frei“, sagt Jesus.

In: Salzkorn. Klarer – schärfer – lebendiger. September-Oktober 5/2006:  Haargenau als Mann und Frau.  Wie die Gender-Perspektive versucht, die Geschlechterpolarität umzubürsten, S. 212-217.