Die Auflösung von Geschlecht und die Dekonstruktion von Frausein und Mannsein

von David Lee Mundy

In jüngster Zeit wird heiß diskutiert, was lange selbstverständlich war: die Definition von Geschlecht. Die Verfechter einer neuen Definition von Geschlecht standen jahrzehntelang allein da. Ungeduldig über die langwierigen Verfahren der Gesetzgebung brachten sie deshalb ihre Forderungen vor die Gerichte – und stießen dort auf offene Ohren. Jetzt ist die Diskussion darüber wie eine Dampfwalze angelaufen, und es gibt schon widersprüchliche Gerichtsentscheidungen in Bezug auf das juristische Geschlecht operierter Transsexueller.

Kommt nun die Rechtswissenschaft endlich dem nach, was die neuen Wissenschaften sagen? Die Tatsache, dass es nicht mehr um Geschlecht [sex], sondern um Gender [gender] geht, stellt einen völligen Wandel der Rechtslandschaft dar. Weshalb haben sich viele Richter bisher geweigert, diesen Wechsel zu vollziehen? Gibt es abgesehen von Tradition, Unwissenheit oder offensichtlicher Halsstarrigkeit – für einen denkenden Menschen einen vernünftigen Grund, weshalb „Geschlecht“ für juristische Zwecke objektiv und nicht einfach subjektiv definiert werden sollte? Die Antworten auf diese Fragen hängen von der jeweiligen Weltanschauung ab.
Eine Weltanschauung ist eine Gesamtsicht der Welt, ein „Glaubens-System“, mit dem man die Welt anschaut. Sie ist sowohl eine „Erklärung und Interpretation der Welt“ als auch eine „Anwendung dieser Lebensanschauung.“ Das jeweilige Weltbild eines Menschen beeinflusst seine Auffassung von Recht und Gesellschaft tiefgreifend. Daher kann man erwarten, dass auch „die juristische Argumentation von der jeweiligen philosophischen Neigung abhängig ist“. Die Diskussion über die juristische Definition von Geschlecht ist in ihrem Kern eine ontologische Frage. Sie trifft in die Mitte der eigenen Ansichten über das Wesen des Menschen und die Natur des Rechts. Wenn Geschlecht zum Beispiel nur ein biologischer Unfall ist, und es gar keine inhärenten biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dann muss die Vorstellung von „Geschlecht“ wirklich eine soziale Erfindung sein, willkürlich bzw. nach Laune konstruiert. Wenn aber umgekehrt Unterschiede zwischen männlich und weiblich eine natürliche Ordnung widerspiegeln, die zumindest teilweise biologisch ist, dann ist eine Unterscheidung anhand dieses „So-geschaffenseins“ nicht irrational und unterdrückt auch niemanden. Dann ist es vielmehr möglich, dass Männer und Frauen verschieden sind und einander ergänzen können, ohne dass dadurch der Grundsatz der Gleichheit verletzt würde.

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