Die globale sexuelle Revolution

Gabriele Kuby über die Genderideologie, die zum Alltag geworden ist*

Eine Rezension von Katrin Krips-Schmidt

Die globale sexuelle Revolution. Zerstörung im Namen der Freiheit
Die globale sexuelle Revolution. Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit

Die Anzahl der Monographien, die sich mit dem Thema Gender Mainstreaming kritisch auseinandersetzen, bewegt sich bis zum heutigen Tag in einem überschaubaren Rahmen. Woran liegt das?
Ist diese Ideologie, die über die Vereinten Nationen in die Europäische Union gelangt und von dort aus bis in die untersten Organisationsebenen der bundesrepublikanischen Gesellschaft gleichsam unbemerkt hineindiffundiert ist, so verborgen geblieben, dass nur den Allerwenigsten und Wachsamsten aufgefallen ist, wie hier diskret und geschickt Gesellschaftsveränderung betrieben wird? Die Genderideologie ist aus Deutschland mittlerweile kaum noch wegzudenken, so etabliert hat sie sich inzwischen – in den amtlichen Schreiben der Behörden, in der Sexualpädagogik im Kindergarten, in Wirtschaft, Kirche und Politik, wie auch im Universitätsbetrieb und – natürlich – der veröffentlichten Meinung. Bringt man das Thema in einem – kulturpolitisch freilich eher desinteressierten – Kreis zur Sprache, schlagen einem Reaktionen entgegen, die von schulterzuckendem Unverständnis bis zu spöttischem Grinsen reichen, als ob man von einem bloßen Hirngespinst rede.

Gabriele Kuby hat ein Buch geschrieben über „Die globale sexuelle Revolution – Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit“, in dem es im weitesten Sinn um das gesellschaftliche Umerziehungsprogramm des Gender Mainstreaming geht. Wer immer noch meint, das sei alles nur graue Theorie – ausgebrütet im Elfenbeinturm realitätsferner Philosophen, Soziologen, Politologen, Erziehungs- und Sexualwissenschaftler –, die auf das reale Leben keinerlei Auswirkung hätte, wird nach der Lektüre des über 400 Seiten starken Bandes anders urteilen. Kubys Werk ist, wie Robert Spaemann in seinem Vorwort schreibt, ein „Aufklärungsbuch“, in dem die Verfasserin nach eigener Aussage „nüchtern auf den Zustand unserer Gesellschaft schaut“. In der Tat – der Soziologin ist ein unverstellter Blick auf Theorie und Praxis einer Kulturrevolution gelungen, mit der eine Gegenwelt zu etablieren versucht wird, in der ein neuer, ein „konstruierter“ Mensch Realität werden soll, was sie mit zahlreichen Fakten belegen kann.

Der erste Teil schildert die geistigen Vorläufer und gedanklichen Voraussetzungen einer Ideologie, die an die natürlichen Bedingtheiten des Menschen Hand anzulegen trachtet. Die Spur führt von den Phantasien eines Marquis de Sade und der Französischen Revolution bis zu der Gendertheorie einer Judith Butler, die gerade erst den Adornopreis der Stadt Frankfurt erhalten hat. Deren „queer theory“ behauptet, das Geschlecht Mann und das Geschlecht Frau existiere nur in der Phantasie, sodass die Grenzen zwischen diesen Kategorien willkürlich festgelegt seien und damit auflösbar. Oder anders ausgedrückt, eigentlich gibt es ganz viele Geschlechter, je nach eigenem Empfinden und eigener Zuweisung. Die „Dekonstruktion der bipolaren Geschlechtlichkeit“ – der Versuch einer Leugnung, dass es zwei Geschlechter gibt, und zwar genau zwei, nicht mehr und nicht weniger, die sich gegenseitig anziehen und ergänzen – führt letztendlich zur Zerstörung kulturerhaltender Normen der Gesellschaft, zur Zerstörung von Ehe und Familie, zur Förderung von Homopartnerschaften und zur Deregulierung von Sexualnormen, was wiederum weitere Probleme zur Folge hat, die sich wie in einer Spirale ständig weiter verstärken.

Die Pioniere der globalen sexuellen Revolution, die Kuby hier auflistet, wie Wilhelm Reich, Alfred Kinsey, Margret Sanger und Simone de Beauvoir, sind zum Teil bekannt. Interessant sind die Verflechtungen von Sexualwissenschaft und großen Wirtschaftsorganisationen, sowie die Entwicklung globaler Strategien. Die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis offenbart sich in den von Kuby ausführlich dargelegten und kommentierten – von „Menschenrechtsaktivisten“ formulierten – Yogyakarta-Prinzipien, die 2007 zwecks einer zügigen und ungehinderten Durchsetzung der Genderideologie im Genfer UN-Gebäude vorgestellt wurden. Diese Prinzipien, denen die Rolle eines Schlüsseldokuments zukommt, enthalten zudem konkrete Handlungsanweisungen für alle gesellschaftlichen Ebenen, beispielsweise um „Vorurteile und stereotype Vorstelllungen von Männer- und Frauenrollen“ abzuschaffen oder um die Gleichstellung der Homo-„Ehe“ und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare voranzutreiben.

Wie weit die bundesdeutsche Praxis in Sachen „Gender“ tatsächlich schon vorangeschritten ist, auch davon kann sich der Leser ein buntes, wenn auch tristes Bild machen. Zum Beispiel: Über geschlechter- oder gendergerechte Sprache, wie sie unerbittlich und konstant von den zuständigen Ministerien eingefordert wird; Beamte müssen ihren gesamten Schriftverkehr gendergerecht formulieren, Studenten ihre Bachelor- oder Masterarbeiten entsprechend umschreiben, wenn sie ihr Examen bestehen wollen. Über Mädchen, die im Kindergarten boxen lernen und Jungen, die Prinzessinnenkleider tragen und sich die Nägel lackieren. Über den Deutschen Ethikrat, der sich dafür aussprach, dass Menschen nicht dazu gezwungen werden dürften, sich der Kategorie männlich oder weiblich zuordnen zu müssen; stattdessen soll eine dritte Kategorie „anders“ eingeführt werden. Und über unzählige Tagungen, Papiere, Veranstaltungen zum Thema „Gender Mainstreaming“. So weiß Kuby von einem Gender-Kongress zu berichten, den die Bundeszentrale für Politische Bildung 2010 ausgerichtet hat. Deren Präsident, der Bundestagsabgeordnete und ehemalige Berliner Senator für Familie und Jugend, Thomas Krüger, wies in seinem Eröffnungsvortrag auf den Schutz von Diskriminierungen der „Neogeschlechter“ hin. Was das ist? „Bisexuelle, Fetischisten, BDSMler, Bigender, Transvestiten, Transgender, Transidentische, Transsexuelle, E-Sexuelle, Intersexuelle, Polyamoristen, Asexuelle, Objektophile und Agender.“ Da kann man ja schon fast froh sein, dass man nicht in diese Sparte der zu schützenden Arten fällt.

„Schöne Neue Welt“? Nein – Status quo der Bundesrepublik Deutschland. Wer sich dieser „Schönen Neuen Welt“, die doch längst Einzug in europäischen Landen gehalten hat, entgegenstellt, hat Repressalien zu gewärtigen. Kuby, die selbst ein Lied davon zu singen weiß, nennt andere Einzelpersonen und Organisationen, die im Namen der Freiheit leider oftmals auf ihre Redefreiheit schon verzichten mussten.

Kuby zeigt aber auch positive Wege aus der Krise, bleibt nicht bei einer negativen Bestandsaufnahme stehen. „Zwölf gute Gründe, die Sexualisierung der Kinder durch den Staat zu beenden“, sind ein Plädoyer für mehr Familie, mehr Kindheit, weniger staatliche Eingriffe in elterliche Verantwortungsbereiche, was letztlich nicht nur der körperlichen und seelischen Entwicklung aller Menschen zugutekommt, sondern auch der kulturellen Entwicklung einer ganzen Gesellschaft. Mit Erscheinen dieses Buches kann niemand mehr sagen: davon haben wir nichts gewusst. Von einer Revolution, die auf Samtpfötchen daherkommt, sich als Toleranz maskiert, obwohl sich dahinter doch nichts anderes als Intoleranz verbirgt, die Freiheit sagt, und doch nichts anderes als Diktatur meint. „Die globale sexuelle Revolution“ ist ein umfangreiches Kompendium menschlicher Verirrungen und Verwirrungen. Es ist ihm eine weite Verbreitung zu wünschen.

*Gabriele Kuby: Die globale sexuelle Revolution – Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit. Mit einem Vorwort von Professor Robert Spaemann. fe-Medienverlag 2012.

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in „Die Tagespost“ am 05.10.2012.