Wer oder was ist gerecht?

„Geschlechtergerechtigkeit“ im Gender-Mainstreaming-Konzept

von Rainer Mayer

1. Gerechtigkeit – ein weites Feld

Gerechtigkeit ist ein Schlüsselthema für nahezu alle zentralen Lebensbereiche. In Jurisprudenz, Theologie, Philosophie, Sozialpolitik, Wirtschaftsethik, kurz, überall, wo das Humanum mit be-troffen ist, spielt die Frage nach Gerechtigkeit eine entscheidende Rolle. Die Kehrseite dieser Tatsache ist, dass der Begriff zur reinen Wortfassade verkommen kann. Der Sozialphilosoph Ernst Topitsch stellte fest, dass sprachliche Zentralbegriffe, die über Jahrhunderte als fundamentale Prinzipien und Werte ganz selbstverständlich anerkannt und hoch geschätzt wurden, gerade deshalb keinen, oder keinen näher angebbaren Sach- und Normengehalt mehr besitzen. Zu noch größerer Skepsis neigt der Rechtsphilosoph und Staatsrechtler Hans Kelsen: „Die Bestimmung der absoluten Werte im Allgemeinen und die Definition der Gerechtigkeit im Besonderen, die auf diesem Wege erzielt werden, erweisen sich als völlig leere Formeln, durch die jede beliebige gesellschaftliche Ordnung als gerecht gerechtfertigt werden kann.“

Dieser Umstand erklärt, weshalb die unterschiedlichsten Interessen und Bewegungen sich das Mäntelchen „für mehr Gerechtigkeit“ umhängen können. So geschieht es auch beim Gender Mainstreaming. – Die Vereinnahmung von verschiedensten Seiten ist typisch für den Missbrauch ethischer Zentralbegriffe: Es gibt wohl keine politische Ideologie, die nicht außer Gerechtigkeit z.B. auch Freiheit, Friede und Menschenwürde auf ihre Fahnen geschrieben hätte.

Die Tatsache, dass der Begriff „Gerechtigkeit“ ganz unterschiedlich verwendet werden kann, darf allerdings nicht dazu verleiten, Missbrauch und rechten Gebrauch ungeprüft nebeneinander stehen zu lassen. Auch im Blick auf das Gender Mainstreaming ist nach dem Sinn zu fragen, in dem hier von „Gerechtigkeit“ gesprochen wird. Deshalb seien hier grundsätzliche Überlegungen zum Thema „Gerechtigkeit“ vorangestellt.

2. Philosophische Aspekte

Nach Platon ist die Gerechtigkeit die oberste der vier Kardinaltugenden, die aus dem griechischen Adelsethos abgeleitet wurden. Sie lauten: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß (Besonnenheit) und Klugheit (Weisheit). Im Zusammenhang des griechischen Denkens ist derjenige gerecht, der sich im und zum Gefüge seiner Gemeinschaft angemessen verhält. Dadurch unterscheidet er sich vom Barbaren. – In späterer Zeit wird der Begriff verallgemeinert zu der Bedeutung einer statisch verstandenen, ewigen guten Ordnung umfassender und allgemeiner Art, welcher sich der Gerechte einfügt, der er mithin gerecht wird. Gehorsam gegenüber den Gesetzen sowie Vertragstreue gehören dazu. – Für Platon war Gerechtigkeit eine Funktion der Seele (Politeia IV, 433a). Entsprechend ist eine öffentliche Ordnung gerecht, wenn in ihr jeder seine Aufgabe gemäß seinen Fähigkeiten wahrnimmt (vgl. „suum cuique“ = „jedem das Seine“).

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